Donnerstag, 23. Oktober 2014

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Auf Joachim Gauck lasten schon jetzt viele Hoffnungen - die Entt├Ąuschungen werden nicht ausbleiben

Der Aufrechte

Joachim Gauck ist der 11. Bundespr├Ąsident. Bild: J. Patrick Fischer. BY-SA CC 3.0 Wikipedia

 

Rhein-Neckar, 18. M├Ąrz 2012. (red) Joachim Gauck (72) ist heute zum 11. Bundespr├Ąsidenten der Bundesrepublik Deutschland gew├Ąhlt worden. 991 von knapp 1.200 Stimmen konnte er in der Bundesversammlung auf sich vereinigen und wurde damit ├╝berzeugend als gemeinsamer Kandidat der gro├čen Parteien ins Amt bef├Ârdert. Der ostdeutsche Pfarrer vereint viele Hoffnung auf sich, das Lob ist gro├č, doch das kann sich ├Ąndern.

Von Hardy Prothmann

Was soll man ├╝ber einen schreiben, den man nicht kennt? Gar nichts? Oder das, was man zu wissen glaubt?

Wenn Sie heute oder morgen oder in den n├Ąchsten Tagen Artikel ├╝ber Joachim Gauck lesen – denken Sie an diese Fragen und fragen Sie sich, ob die, die etwas geschrieben haben, sich diese Fragen auch gestellt haben.

Die allermeisten Journalisten, die sich ├╝ber Joachim Gauck in der Vergangenheit ausgelassen haben, kennen ihn nicht pers├Ânlich. Das ist auch nicht unbedingt n├Âtig, um sich eine Meinung zu bilden. Da geht es Journalisten wie anderen Menschen: Man sammelt Informationen, vergleicht sie, ordnet sie ein und irgendwann hat man irgendeine Meinung.

Viel Lob am Anfang

Aktuell wird sehr positiv ├╝ber den neuen Bundespr├Ąsidenten geschrieben. Das ist auch vollkommen in Ordnung, denn Gauck hat auf den ersten Blick sehr viele Vorteile.

Er ist klug, ein brillanter Redner, vor allem parteilos. Er gilt als frei von Seilschaften und bisweilen als stur, was seine Meinungen angeht. Diese wirken manchmal ein wenig sonderbar, weil er beispielsweise als Beauftragter f├╝r die Stasi-Unterlagen (Gauck-Beh├Ârde) ein Verm├Ąchtnis der DDR-Diktatur aufbereitete, ├╝ber das Misset├Ąter zu Fall kamen und Opfer Entsch├Ądigungen einfordern konnten, andererseits aber auch Opfern ├╝bers Maul fuhr.

Hardy Prothmann, verantwortlich f├╝r dieses Blog, tritt f├╝r subjektiv-objektiven Journalismus ein: Seine Meinung auf Basis von Fakten finden und ├Ąu├čern.

Er hat irritiert, weil ihm jeder den aufrechten Demokraten abnimmt, er aber andererseits positive ├äu├čerungen zum Rechtspopulisten Sarrazin von sich gab.

Soviel steht fest: Gauck passt in keine Schublade und das ist gut so.

Die Kritik wird folgen

Gauck gilt vielen vor allem als Hoffnungstr├Ąger, die Deutschen nach ├╝ber zwanzig Jahren Einheit endlich zu einen. Er wird in Ost und West respektiert. Als Staatsoberhaupt bringt der 72-j├Ąhrige evangelische Pfarrer vor allem eines mit – eine souver├Ąne Ausstrahlung.

Das kleine Skand├Ąlchen, dass er seit Jahren mit der 20 Jahre j├╝ngeren Journalistin Danila Schadt liiert – allerdings immer noch mit seiner Frau Gerhild, mit der er vier Kinder hat, verheiratet.

Im Jahre 2012 wird das zwar immer noch debattiert in der ├ľffentlichkeit – aber es hindert Gott sei Dank nicht, trotzdem mit W├╝rde und Respekt das oberste deutsche Amt auszu├╝ben.

Man darf gespannt sein, wann Gauck f├╝r ├ärger sorgen wird. Und das wird er – nicht beim Volk vermutlich, aber bei den Parteien. Denn Gauck wird so klug sein, sich ├╝berwiegend auf seine repr├Ąsentativen Aufgaben zu konzentrieren und diese gut ausf├╝llen. Er gilt als strukturierter Arbeiter. Aber er wird sicher immer dann, wenn er denkt, dass er sich ├Ąu├čern muss, seine machtvollstes Instrument gebrauchen: das Wort. Und dieses beherrscht er wie nur wenige.

Gauck und Merkel

Gauck ist sicherlich nicht der Bundeskanzlerin Angela Merkel erste Mal – wie m├Âgen beide christlich sein und beide aus dem Osten. Das ist aber schon ungef├Ąhr alles, was die beiden verbindet.

Gauck wird ein partei- und kl├╝ngelfreier Bundespr├Ąsident sein.

Meine gro├če Hoffnung ist – das er Zuversicht und dank seiner Rhetorik den Unterschied zwischen Kritik und N├Ârgelei klar macht. Denn das N├Ârgeln beherrschen die Deutschen – die Kritik und den Umgang damit oft nicht.

Der Aufrechte. Auf Joachim Gauck lasten viele Hoffnungen. Bild: J. Patrick Fischer. BY-SA CC 3.0 Wikipedia

Weiter hoffe ich, dass Gauck nach au├čen unsere deutsche Demokratie sehr gut vertritt und nach innen klar macht, dass wir eines der gl├╝cklichsten L├Ąnder dieser Welt sein m├╝ssen, denn unsere Freiheit, unser Rechtssystem, unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere Bildung funktioniert im Vergleich mit anderen L├Ąndern sehr gut bis brillant. Das vergessen leider viele immer wieder.

Gauck ist daf├╝r der richtige Mann. Beide Eltern waren in der NSDAP – wie viele. Der Vater in Kriegsgefangenschaft – wie viele. Gauck wuchs unter dem Regime der DDR auf – wie viele.

Und Gauck sch├Ątzt und liebt die Freiheit, die die Wiedervereinigung gebracht hat. Er wei├č auch, was das Gegenteil bedeutet.

Ganz sicher ist der Rostocker kein Revolution├Ąr. Er ist nicht, anders als oft dargestellt, eine treibende revolution├Ąre Kraft “Wir sind das Volk” gewesen. Er kam sp├Ąter dazu, aber er war dann sicher eine wichtige Person.

Jetzt ist er der oberste Deutsche. Ein Aufrechter.

Hoffen wir, dass es ihm gelingt, diese Haltung zu wahren. Es wird genug geben, die ihm schwer machen werden.

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├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.