Freitag, 18. Mai 2012

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Reportage: Im Landtag nichts Neues?

Guten Tag

Hirschberg, 30. September 2010. “Ich traue meinen Ohren kaum, weil ich doch glaubte, ich säße in einem Parlament. Einem Ort der Würde und des Anstands”, denkt unsere junge Mitarbeiterin Jule Kuhn-Weidler, als sie zum ersten Mal persönlich das Geschehen im Stuttgarter Landtag verfolgt. Doch sie erlebt hämische Zwischenrufe, wilde Gesten, lange Flure. Auch das ist Politik, notiert sie auf ihrem Block. Wie sie den Landtag aus dem Blickwinkel einer 17-jährigen Schülerin erlebt, hat sie in dieser Reportage aufgeschrieben.

Der Baden-Württembergische Landtag - hier wird politisch entschieden. Bild:jkw

Text und Fotos: Jule Kuhn-Weidler

Die Tür fliegt auf und Uli Sckerl tritt in den Raum. 59 Jahre alt, 1,88 Meter groß, dunkelgraue Haare. Brillenträger. Figur normal. Bis auf den Politikerbauch. Eine ausgebeulte, volle Lederaktentasche unterm Arm. Jeans, grünes Hemd, dunkles Jacket.

Die SPD veranstaltet ne Sause.

Lässt sich nicht gerne fotografieren: MdL Uli Sckerl am Kaffeeautomaten. Bild: jkw

„Hallo“, sagt Sckerl knapp. Ein kurzer Blick und ein Handschlag begrüßen seinen Assistenten Benjamin Lauber und mich. „Die von der SPD veranstalten gerade ne Sause und jubeln“, sagt Sckerl. „Klar, wegen der aktuellen Umfrage“, sagt sein Assistent. Danach würde die SPD 25 Prozent erhalten und die Grünen satte 20 Prozent. Lauber guckt auf den Bildschirm: „Ich bin voll geplättet.“ Sckerl nickt und sagt: „Ist nur eine Umfrage, wir müssen die Landtagswahl 2011 abwarten.“

Es ist Ende Juli 2010. 12:00 Uhr mittags. Zweiter Stock. Haus der Abgeordneten. Neben dem Stuttgarter Landtag. Hier sitzen 139 Landtagsabgeordnete. Uli Sckerl ist einer davon, für Bündnis90/Die Grünen (17 Sitze). Es ist seine erste Legislaturperiode. Im März 2006 ist er über die Landesliste in den Landtag gekommen.

Ich habe noch keine große Erfahrung als Journalistin und stehe am Ende meines Praktikums beim hischbergblog.

Mein Auftrag: Schreibe eine Reportage über Deine Erfahrungen im Landtag. Schreibe ein Porträt über den Landtagsabgeordneten Uli Sckerl.

„Was gibt-€™s sonst?“

„Was gibt-€™s sonst?“, sagt Sckerl. Es gibt viel Neues. Die Liste der Themen und emails ist lang. Die Infos gehen zwischen den beiden hin und her. Konzentriert, intensiv, ab und an wird gescherzt. Eine halbe Stunde geht das so in diesem sechszen Quadratmeter großen Raum.

Das Büro ist voll gestellt mit Ordnern. Polizei, Direkte Demokratie, Finanzen, Rechtsradikalismus usw. steht da drauf. Es gibt kaum Bücher. Dafür aber überall Papierstapel. Gelocht, geklammert, gelblich und ab und an auch angerissen.

Es ist immer dieselbe Situation, hat mir vorher Benjamin Lauber erklärt. Er managt das Büro, bereitet die Informationen auf, vereinbart Termine, recherchiert. Die Zeit ist immer knapp. Auch heute wieder. Um 13:00 Uhr ist Fraktionssitzung.

Der lange Gang durch die Instanzen im Landtag. Bild: jkw

Der Versammlungsraum der Grünen-Fraktion ist in der 14. Legislaturperiode zu klein geworden. Wir müssen ins Nebengebäude. In einen lichten Raum mit beigem Teppich und einheitlichen Ledersitzen

„Was heute hier besprochen wird, verlässt nicht diesen Raum.“

Vorab der Satz: „Was heute hier besprochen wird, verlässt nicht diesen Raum.“ Der Fraktionsvorsitzende Winfried Kretschmann hat für die kommenden vier Stunden hauptsächlich das Wort. In der Pause werden die Abgeordneten, aber auch die Berater und Praktikanten mit Kaffee und Kuchen versorgt.

Ordner, Ordner, Ordner. Schrankwand im Abgeordentenbüro. Bild: jkw

Besonders eine Strategie zeichnet sich ab: die Abwarten-Verhandeln-Vermarkten-Strategie. Es wird abgewartet, wann welches Thema besonders präsent ist, oder welches gerade im Interesse des Bürgers liegt. Es wird verhandelt, mit möglichen Fraktionen, die einen ähnlichen Antrag unterstützen würden. Danach wird das Thema mit Hilfe von Medien und Kontakten für die Öffentlichkeit vorgestellt.

Ich laufe zurück ins Büro. Auf dem Weg werde ich von einem Herrn im maßgeschneiderten Anzug angesprochen, der den gleichen Weg hat.

Kein Lächeln mehr für mich.

„Machen Sie hier ein Praktikum?“, fragt der Herr außerordentlich freundlich und lächelt.
„Ja“, antworte ich ebenfalls höflich.
„Bei welcher Partei sind Sie denn?“, fragt der Herr.
„Bündnis90/Die Grünen“, sage ich, ohne zu erwähnen, dass ich dort als journalistische Praktikantin nur zu Besuch bin, mit dem Auftrag darüber zu berichten.
„Oh, achso, na dann“, sagt der Herr und läuft sogleich einen Schritt schneller, um nicht weiter mit mir reden zu müssen.

Auch an den folgenden Tagen wird mich der Mann weder grüßen, noch anlächeln.

Für diesen Tag bin ich fertig.

Ich mache mich auf die Suche nach meiner Jugendherberge, dort wurde von Benjamin Lauber für mich ein Bett reserviert.

Fürs Protokoll.

Dort angekommen gehe ich noch einmal meine Notizen durch, als plötzlich die Tür auffliegt und eine junge Frau mit Köfferchen im Zimmer steht. Wir begrüßen uns.

„Was machst du in Stuttgart?“, frage ich.

„Ich bin Stenografin im Landtag für die nächsten zwei Plenumstage“, bekomme ich als Antwort.

„Was machst Du genau?“ frage ich.

Redner im Plenum. Bild: jkw

„Ich bin eine von denen, die immer neben dem Pult des Redners sitzen, ihren Bleistift in der Hand und wie wild auf einen Din-A5-Block kritzelt, was gesagt wird. Die Notizen für das spätere Protokoll. Es erfordert Konzentration und Genauigkeit. Einrufe müssen zu dem jeweiligen Politiker zugeordnet werden.“

Einrufe. Davon gibt es viele – von jeder Partei.

Szenenwechsel – ich bin wieder im Landtag.

Schäbig.

„Reden Sie nicht von Anstand, wenn Sie selbst keinen haben!“
„Sie sind einfach nur schäbig!“
„Sie reden von Ideologie? Aber davon können sie wahrlich nur träumen!“

So geht das in einem fort.

Ich traue meinen Ohren kaum, weil ich doch glaubte, ich säße in einem Parlament. Einem Ort der Würde und des Anstands.

An dem Ort eines öffentlichen, konstruktiven Austauschs. Dem ist nicht so.

Und dabei sitzen doch Nonnen und Rentner im Publikum, teils mit steinernen Gesichtern. Es ist klar, dass diese „Einwürfe“ ihnen gar nicht gefallen.

Die Stimmung im Landtag ist angespannt. Gerade bei dem Thema Bildung gehen die Interessenlagen weit auseinander.

Es donnert und poltert dort unten, als ich gerade wieder die Plenumssitzung von der Tribüne aus verfolgen möchte. Schon nach kurzer Zeit stelle ich mir die Frage, ob es sich lohnt, dem Theater da unten zu folgen.

Meine Gedanken schweifen ab und ich beginne die Politiker optisch zu mustern.

I-Phone ist interessanter als Politik.

Fast alle tragen Anzug und Krawatte. Die Abgeordneten der Grünen stechen ein wenig heraus. Keine Krawatte, das Hemd nicht bis oben zugeknöpft und auch die feinen Lederschuhe sind ab und an durch gemütliche Turnschuhe ersetzt.

Die Autorin: Jule Kuhn-Weidler. Bild: jkw

Ich habe mir eine simple Kleiderordnung gegeben: Alles außer zerrissene Jeans und zu knallige, figurbetonte Oberteile.
Bei anderen Parteien sehen die Praktikanten schon anders aus. Für zwei Jungs bei der FDP ist der Anzug und die Krawatte Pflicht, genauso wie die gegelten- und zur Seite gekämmten Haare. Allerdings scheinen sich die jungen Männer eher weniger für die Politik ihrer Partei zu interessieren. Mehr noch interessiert das I-Phone auf ihrem Schoss.

Ich beobachte die Politiker weiter. Der Ministerpräsident, Herr Mappus, runzelt ununterbrochen die Stirn, während ein SPD-Abgeordneter einen besonderen Streitpunkt anschlägt.

Beifall in jeder Sprechpause von SPD und Grünen. Die restlichen Abgeordneten sitzen relativ unbeeindruckt auf ihren Plätzen und warten auf den Sprecher ihrer eigenen Partei.

Schwierige Zusammenhänge.

Bei kritischen Aussagen wird wieder eingerufen. So darf man sich den restlichen Nachmittag vorstellen. Es passiert nicht wirklich etwas Interessantes.

Noch etwas fällt mir besonders auf. Die unterschiedlichen Redensarten. Der eine liest seine Rede völlig vom Papier ab, der nächste wirbelt nur so mit Statistiken um sich, ein anderer versucht den restlichen Politikern ins Gewissen zu reden und wiederrum ein anderer fuchtelt mit den Armen um sich, um die Bedeutung seiner Worte noch mehr hervorzuheben.

Ich merke, dass gerade die Streitpunkte mir Schwierigkeiten bereiten. Ich verstehe Zusammenhänge nicht sofort und auch die Argumentation der Politiker ist für mich schwer nachvollziehbar.

Aber es geht nicht nur mir so. Die restlichen Zuschauer haben offensichtlich ebenfalls große Probleme zu folgen.

Manche fragen fortlaufend ihren Sitznachbarn und andere haben es sich gemütlich gemacht, um ein Nickerchen zu halten. Wenige Zuschauer blättern verzweifelt in ihren Informationsheftchen, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, die Debatte der Fraktionen zu verstehen.

So läuft Politik.

Drei anstrengende Tage gehen so vorüber. Ich habe viel gesehen und viel Neues erfahren. Manches hat mich überrascht, manches sehr enttäuscht.

Partei ist nicht gleich Partei und auch die Erkenntnis, dass Zeit hier Mangelware ist, wurde mir immer wieder vor Augen geführt.

Und es wird „scharf geschossen“ in der Landespolitik. Aber so läuft Politik, wird mir gesagt.

Sitzgruppe - ein Ort des Treffens, an dem sich niemand trifft. Bild: jkw

Der Einblick in den Landtag hat mir gezeigt: Politik ist wichtig. Und es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird.

Gäbe es kein Parlament, das sich mit ausschlaggebenden Pro- und Kontra-Argumenten zu den vielen Themen beschäftigen würde, so würde wohl die gesamte Gesellschaft ganz und gar zerbrechen.

Unübersichtliche Gänge der politischen Arbeit.

So unübersichtlich die Gänge im Landtag sind, so verschachtelt ist auch die Arbeit dort.

Zu viele Sackgassen und Einbahnstraßen versperren den Weg, zu einer einheitlichen Entscheidung zu kommen.

So viele Namensschilder wie es an den Türen gibt, so viele unterschiedliche Meinungen gibt es auch. Im Parlament werden die oft auf eine „gemeinsame“ reduziert. Und das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern.

Aber das alles ist nur ein Eindruck.

Ich habe drei intensive der Beobachtung hinter mir und habe viel gelernt und verstanden. Und gemerkt, dass die Arbeit als Journalistin ganz schön anstrengend ist.

Was wäre, wenn ich das seit Jahren schon tun würde?

Könnte ich dann behaupten, die Politik im Landtag verstanden zu haben?

Ich glaube nicht.

Und ich habe den Eindruck, dass auch die Politiker damit selbst große Schwierigkeiten haben.

Jung, rockig experimentierfreudig - Jule Kuhn-Weidler.


Anmerkung der Redaktion:
Jule Kuhn-Weidler (17) ist Gymnasiastin und absolviert neben ihrem Hauptjob, der Schule, ein redaktionelles Praktikum beim hirschbergblog.
Sie stammt aus einem “politischen” Haus – ihr Vater, Arndt Kuhn-Weidler, ist im Vorstand der Grünen Liste Hirschberg und deren Sprecher.
Von der Redaktion bekam sie den Auftrag, den Landtagsabgeordneten Hans-Ulrich Sckerl zu porträtieren sowie eine Reportage aus dem Leben eines Abgeordneten im Stuttgarter Landtag zu schreiben.
Jule hat noch eine Aufgabe vor sich, dann wird ihr Praktikum bei uns beendet sein und weil sie weiter journalistisch arbeiten will, begrüßen wir sie ab November 2010 als freie Mitarbeiterin.
Da im März 2011 Landtagswahlen anstehen und sie aus unserer Sicht eine hervorragende Arbeit abliefert, werden wir sie auf die anderen Kandidaten “ansetzen”, die sich zur Wahl stellen.

Kommentare

  1. Heddesheimer meint:

    Ich finde diesen Einblick in den Landtag einfach klasse, er ist unvoreingenommen und man meint man tritt ein in eine andere Welt.

  2. Kim meint:

    Liebes Julchen!
    Eine wundervolle Arbeit hast du hier abgeliefert, ich wusste es ja immer, eine perfekte Journalistin steckt in dir! Der Praktikantinnenschinder hat gesagt, ich solle das hier noch einmal veröffentlichen und das mache ich natürlich mit dem allergrößten Vergnügen, denn so ein Talent MUSS gelobt werden!
    Liebste Grüße und mach weiter so, ich werde deine weiteren Artikel mit Vergnügen lesen und keinen verpassen ;)
    Kim :)

    • sven meint:

      “Der Praktikantinnenschinder hat gesagt..”

      Sollte damit Herr Prothmann gemeint sein??? – Ich bin schockiert …

      • Guten Tag!

        Der “Praktikantinnenschinder” ist eine selbstironische Bewerkung aus einem Facebook-Kommentar von Hardy Prothmann.

        Der komplette Kommentar auf das Lob einer Freundin an Jule Kuhn-Weigel für ihre Texte lautet:

        “Alles im Internet ist wie im wirklichen Leben: Es gibt viele verschiedene Welten – da viele leute neugierig auf Kommentare sind, tu Jule vielleicht den Gefallen und kommentiere den Artikel auf dem Blog. Ach, ich bin der Praktikanntinenschinder. Jule hat einen echt guten Job gemacht – dafür hat sie auch schon ein fettes Lob kassiert.”

        Immer noch schockiert?

        Einen schönen Tag wünscht
        Das hirschbergblog

      • Kim meint:

        Er beschrieb sich in Facebook so :D Deshalb übernahm ich das Zitat, daran war nichts Böses, ich selbst kenne den Herrn ja nicht. :)

  3. Saasemer^^ meint:

    Ich schließ mich Kim an!
    So jung und schon so ein Talent.
    Dazu noch bildhübsch:)

  4. sven meint:

    Super geschrieben, Frau Kuhn! Und erschienen an einem Tag, an dem die Republik – aus traurigem Anlass – auf die Stuttgarter Landespolitik schaut! Ich hoffe, die Auseinandersetzung um Stuttgart21 eskaliert nicht weiter.

  5. Pres meint:

    Ganz schön frische Schreibe, Respekt! Da freut man sich schon auf mehr solcher Artikel ab November auf dem hirschbergblog. Gut gefallen hat mir besonders, dass du dich und die Leser nicht mit bemühten Zusammenfassungen der inhaltlichen Debatten gelangweilt hast, sondern vor allem das Atmosphärische, Fade wie Außergewöhliche wunderbar eingefangen hast. Gleichzeitig gibst du ein paar tiefe Einblicke wie berechnend und ritualisiert Politikalltag sein kann. Deine Ehrlichkeit tut dem Artikel gut.

  6. Wuff meint:

    Super-Artikel. Gut recherchiert, sachlich und neutral genug und trotzdem die eigene Person und die eigene Meinung nicht aussparend. Ich hoffe, mehr von Ihnen zu lesen!

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